Wie kann man mit mehr Gefühl singen?

Wie kann man mit mehr Gefühl singen?

Oft werde ich von meinen Schülern gefragt: „Carina, wie komme ich besser rüber?“ „Wie kann ich interessanter klingen?“ Dabei geht es im Grunde immer darum, wie man es schafft, mit seiner Stimme die Zuhörer emotional zu berühren. Eine gute Gesangstechnik allein wird dir nicht dabei helfen, mit mehr Gefühl zu singen und bei deinem Publikum Emotionen auszulösen.

Als ich mit 14 Jahren begonnen habe Gesangsunterricht zu nehmen, wäre es von großem Vorteil gewesen, wenn mir jemand gleich von Anfang an die richtigen Tipps gegeben hätte. 

Ich musste mir mühsam über einige Jahre und durch Unterricht bei verschiedenen Lehrern selbst eine passende Strategie zurechtlegen. Mir kamen viele Zusammenhänge – ob technisch oder emotional – immer wie ein großes Puzzle vor. Mit jedem neuen Teil konnte ich das große Ganze um ein Stückchen weiter vervollständigen, bis sich am Ende ein klares Bild abzeichnete.

Dabei gab es einige Techniken, die mich eher behinderten oder verwirrten. Dann gab es wiederum Erfahrungen, die ich unbedingt noch machen musste.

Das Feeling ist ein entscheidender Faktor des Ganzen. In meinem Unterricht versuche ich deshalb meinen Schülern von Anfang an nicht nur die technischen Aspekte des Singens zu vermitteln, sondern ich helfe ihnen dabei, ihre Songs mit mehr Gefühl zu singen. 

Meine Strategie ist kein Geheimnis. Deshalb möchte ich diese Strategie mit dir teilen und dir dabei helfen, dass du von Anfang an die richtigen Tipps erhältst und nicht so lange brauchst, um dein persönliches Puzzle zusammenzufügen. 

Also los geht´s…

Der erste Schritt besteht in der richtigen Songauswahl.

Hast du dich schon einmal gefragt, warum dir manche Songs besonders gut gefallen? Ist es vielleicht die Melodie, die Stimme des Interpreten, der Groove oder der Kontext des Songs?

Ganz egal warum du dich dazu entscheidest einen Song zu singen, du solltest dir immer darüber im Klaren sein, was genau du singst. Welche Story steckt hinter dem Song? Kannst du dich überhaupt damit identifizieren? Es ist gut, wenn du dir das immer klarmachst, wenn du einen neuen Song auswählst. Denn wie sollst du einen Song interpretieren, dessen Kernaussage du entweder nicht nachvollziehen kannst oder am Ende gar ablehnst?

Geh deshalb dem Songtext auf den Grund.

Fasse für dich zusammen, was dir der Song vermittelt. Wie interpretierst du für dich persönlich den Songtext? Was steht zwischen den Zeilen?

Der zweite Schritt: Lerne den Songtext auswendig!

Meist sind die Songs auf englisch, also nicht in deiner Muttersprache geschrieben. Ganz egal wie gut du englisch sprichst, braucht dein Gehirn während deiner Interpretation eine Millisekunde, um den gesungenen Text zu übersetzten. Und genau diese Millisekunde verschluckt unglaublich viel Gefühl!

Damit du wegen dieser Millisekunde nicht abgelenkt bist, solltest du deinen aktuellen Songtext immer auswendig können! Egal wie gut jemand singt, wenn vor dem Sänger ein Notenständer mit dem Text steht, wird mich persönlich das nie und nimmer überzeugen. Wie kann man emotional mit dem Song verbunden sein, wenn man beim Singen den Text ablesen muss?

Der dritte Schritt: Schreibe dein Songdrehbuch

Vielen Sängern hilft es beim Singen, vor dem geistigen Auge einen Film ablaufen zu lassen, also deine eigene Version der Story als Kopfkino. Das hilft dir übrigens auch dabei, den Songtext schneller auswendig zu lernen.

Der vierte Schritt: Achte auf die Betonungen!

Weiter sind die Betonungen von großer Bedeutung. Betonungen an der richtigen Stelle entscheiden darüber, ob man deine Darbietung als authentisch wahrnimmt. Wenn der Songtext englisch ist, dann beginne damit, dir diesen erst einmal laut vorzulesen und achte dabei darauf, welche Wörter wie betont werden. Handelt es sich bei einer Phrase um einen Fragesatz? Dann lass diese auch wie eine Frage klingen.

Der fünfte Schritt: gehe auf den Kontext ein

Gehe bei deiner Interpretation des Songs stets auf den Kontext ein. Beinhaltet die gesungene Phrase zum Beispiel das Wort „flüstern“ dann kannst du an dieser Stelle auch wirklich flüstern und eventuell ein Vibrato auf deine Stimme legen. 

Der sechste Schritt: setzte die richtigen Stilmittel ein

Höre dir unter diesem Aspekt auch mal einige deiner Lieblingssongs an und achte darauf, was der Interpret an bestimmten Songstellen mit seiner Stimme macht! Welche Wörter werden hervorgehoben? Welche Stilmittel (z.B. Vibrato, Adlips, Flüstern, Hauchen usw..) kommen zum Einsatz?

Und jetzt kommt’s: Der siebte Schritt … mein entscheidender Tipp für dich!

Nimm dich so oft es geht beim Singen auf! Die meisten Sänger haben eine andere Vorstellung von dem wie sie klingen, als dies tatsächlich der Fall ist. Aufnahmen spiegeln genau wider, wie man klingt und wieviel Gefühl in der Stimme mitschwingt. 

Für die Aufnahme reicht ein Smartphone mit Aufnahmefunktion. Umso einfacher und roher die Aufnahme, desto mehr entspricht sie der Realität.

Bitte wundere dich nicht, wenn dir deine Stimme fremd vorkommt, das ist total normal. Du hörst dich beim Sprechen und beim Singen immer aus deinem Körper heraus und nimmst deine Stimme anders wahr, als dies dein Gegenüber tut.

Hab Geduld, mit der Zeit wirst du mit dem Klang deiner Stimme vertraut werden und beurteilen können, was du gut oder weniger gut gesungen hast.

Ich nenne das auch die Entwicklung des „Sängerselbstbewusstseins“. Nur wenn du in der Lage bist, dich wirklich selbst einzuschätzen und deine Stärken und Schwächen kennst, kannst du ein besserer Sänger werden. Ganz einfach deshalb, weil du weißt, woran du arbeiten musst.

Der achte Schritt: deine Performance

Auch deine Mimik und Gestik beim Singen entscheiden beim Publikum darüber, ob du ankommst oder nicht. Dazu ist es hilfreich gelegentlich vor einem großen Spiegel zu üben und zu überprüfen, wie sich deine Mimik beim Singen verändert. 

Schlüpfst du in eine Rolle oder wirkt deine Mimik ausdruckslos und unnahbar, wird es dir schwer fallen dein Publikum zu erreichen.

Hier habe ich alle Tipps noch mal für dich zusammengefasst:

  1. Wenn du einen neuen Song auswählst, dann prüfe, ob du dich mit der Story wirklich identifizieren kannst. 
  2. Lerne den Songtext unbedingt auswendig!
  3. Schreibe dein Songdrehbuch und lasse beim Singen einen Film vor deinem geistigen Auge ablaufen.
  4. Achte auf Betonungen, denn sie beleben deine Darbietung.
  5. Gehe stimmlich auf den Kontext ein.
  6. Analysiere, was die Interpreten deiner Lieblingssongs machen, um stimmlich auf den Kontext einzugehen. Lass dich inspirieren und klaue was das Zeug hält von Sängern die dir gefallen.
  7. Nimm dich regelmäßig selbst auf und analysiere deine Stimme.
  8. Übe deine Performance vor einem Spiegel und achte auf Mimik und Gestik.

Ich wünsche dir viel Spaß bei der Entdeckung deiner Stimme. Vielleicht war mein Artikel ein kleines Puzzlestück für dein Gesamtwerk. 

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