Gesangstalent-warum können manche Menschen einfach außergewöhnlich gut singen?

Gesangstalent-warum können manche Menschen einfach außergewöhnlich gut singen?

Ob live im TV, in Casting-Shows oder auf youtube, immer wieder fallen Menschen mit besonderem Gesangstalent auf. Als Vocal-Coach werde ich natürlich immer wieder darauf angesprochen, wie es möglich ist, ohne jegliche Vorbildung so gut singen zu können und ob ich auch schon mal solche Talente gecoacht habe. 

In meiner über fühnzehnjährigen Unterrichtserfahrung habe ich in der Tat schon mehrere außergewöhnliche Talente betreuen dürfen. Ob unentdecktes Gesangstalent, Casting-Sternchen oder Sängerinnen und Sänger, die sich innerhalb kurzer Zeit überdurchschnittlich entwickelt haben, konnte ich schon viele Ausnahmetalente betreuen. 

Deshalb möchte ich in diesem Artikel gerne aus dem Nähkästchen plaudern und Mythen 

aufklären und ganz ehrlich berichten, welche Arten von Talenten es gibt und was man als „normal talentierter Sänger“ tun kann, um mit diesen Ausnahmesängern gleichzuziehen.

Bei allen Ausnahmetalenten, die ich betreut habe, gibt es einige Paralellen.  Sie bringen bei mindestnes zwei oder mehreren der folgenden Punkte eine außergewöhnliche Begabung bzw. Voraussetzung mit:

  • Anatomie
  • Gefühl für Intonation
  • Emotionalität 
  • Improvisation
  • kulturelle Prägung

Bei all diesen Punkten ist die Stimmanatomie bestimmt der gewichtigste Faktor in der Analyse von Ausnahmetalenten. 

Die Stimme ist ein Instrument wie jedes andere. Der ganz große Unterschied besteht darin, dass der Mensch selbst das Instrument ist. Du als Sängerin oder Sänger bist untrennbar mit deinem Intrument verbunden. Deine individuelle Anatomie spielt dabei eine besondere Rolle. Sie bestimmt, wie deine Stimme am Ende klingt und wie groß dein natürlicher Stimmumfang ist. 

Die Ausgangssituation ist deshalb bei Sängern leider nie die gleiche. Ein Sänger, der von Natur aus einen großen Stimmumfang besitzt, hat natürlich entscheidende Vorteile gegenüber einem 

Sänger, der einen geringern Stimmumfang besitzt. Mit den richtigen Gesangsübungen kann dieses Defizit jedoch über einen überschaubaren Zeitraum ausgeglichen werden. 

Wie ich festgestellt habe, gibt es einen anderen Aspekt, der bei der Erkennung von Ausnahmetalenten entscheidend ist, nämlich der Klang der unterschiedlichen Stimmregister. Die Stimme kann in verschiedene Abschnitte unterteilt werden. Diese Abschnitte umfassen eine bestimmte Anzahl an Tönen, die durch die gleiche Schwingung erzeugt werden und ähnlich klingen.

Man unterteilt die Stimme in folgende Bereiche:

  • Bruststimme
  • Mix
  • Kopfstimme

Bei 90 Prozent der Sängerinnen und Sänger, welche noch keine Gesangsausbildung gemacht haben, hört man die Übergänge zwischen den einzelnen Stimmregistern deutlich. Die Bruststimme klingt tiefer als die Kopfstimme; und der Mix klingt eher nach Brust- oder Kopfstimme – je nachdem, wie der Sänger die Stimme instinktiv einsetzt. Manche Sänger können ohne Training problemlos zwischen den einzelnen Registern hin- und herwechseln, andere brauchen erst Übungen, um den Übergang zu schaffen. 

Bruchloses Singen gehört zweifelsohne zu einem der wichtigsten Ziele im Gesangsunterricht, da Sänger mit dieser Fähigkeit in der Lage sind, auch sehr anspruchsvolle Songs zu singen. 

Bei den Ausnahmetalenten, den besonderen 10 Prozent unter den Sängern, ist mir immer wieder aufgefallen, dass der Klang der einzelnen Stimmregister identisch oder fast identsich klingt – vor allem zwischen der Brusttimme und dem Mix

Das ist ein Glücksfall, eine Laune der Natur, ein anatomischer Knaller oder einfach ein Sechser im Lotto. Das ist dann aber auch einfach so und diese Sänger müssen nicht mit Druck die Töne nach oben pressen oder erst mal mühsam lernen, wie sie ohne Druck auch in den Höhen einen vollen Stimmsound erzeugt bekommen.

Was man als „normal talentierter Sänger“ dabei nicht bedenkt ist: diese Ausnahmetalente denken beim Singen in keiner Form über diesen Bonus ihrer Anatomie nach, sondern sie spazieren einfach locker zwischen ihren Stimmregistern hin und her spazieren und das Ganze fühlt sich für sie dabei total natürlich an. Sie kennen es nicht anders und können ihre Stimme fast grenzenlos und frei einsetzten, so wie sie es in dem Moment fühlen. 

Da kommen wir dann auch schon zu den nächsten wichtigen Punkten in Sachen Talentergründung, nämlich die Emotionalität und allen weiteren Aspekten, die irgendwie dazu gehören.

Während die Anatomie eine eigene Kategorie bildet, gehören alle anderen Bereiche, welche ich oben aufgeführt habe (Gefühl für Intonation / Emotionalität / Improvisation /kulturelle Prägung), mehr oder weniger zusammen und ergänzen sich dabei nicht selten gegenseitig. 

Eine gute Intonation besteht dann, wenn Sänger die Töne mühelos treffen und so gut wie nie daneben singen. Sie besitzten beim Singen eine ganz klare Vorstellung davon, wo sie die einzelnen Melodietöne im Song hinplatzieren möchten. Manchmal besitzten sie außerdem als Extrabonus noch das absolute Gehör.

Bei der Intonation spielt auch das Gefühl für das richtige Timing eine entscheidende Rolle was zur Folge hat, dass diese Sänger mühelos Melodien improvisieren können. Mit hoher Treffsicherheit und geschmacklich einwandfrei klingt alles irgendwie immer gut – gerade bei R&B-Gesang ist das eine entscheidende Fähigkeit. 

Die Emotionaliät beim Singen hängt eng mit der Persönlichkeit des Sängers zusammen. Ausnahmetalente müssen sich, wie wir ja schon erfahren haben, weniger auf technische Aspekte konzentrieren und können sich daher viel leichter auf einen Song einlassen. Sie haben nicht selten einen besonderen Zugang, ja eine fast magische Verknüpfung ihrer Stimme mit ihren Gefühlen. Sie schaffen es, die Stimme so klingen zu lassen, wie sie sich in dem Moment fühlen. Der Zuhörer nimmt dies dann als 100 Prozent authentisch wahr und bekommt nicht selten beim Zuhören eine Gänsehaut. 

Die kulturelle Prägung spielt bei der Ergründung von Ausnahmetalenten auch immer wieder eine Rolle, ist aber nicht ganz so maßgeblich wie die anderen Punkte. Kinder, die beispielsweise in einer musikalischen Familie aufwachsen, erhalten eine ganz andere frühkindliche Prägung in Bezug auf Musik als andere Kinder. Genauso spielt es natürlich eine Rolle, welche Musik zuhause gehört wird und auch in welchem Maß. All diese Einflüsse prägen das Talent. 

Bei der Summe dieser Vorteile, die Ausnahmetalente haben und ihrer scheinbar perfekten Ausgangssituation, ist es dennoch extrem wichtig, dass sie an der eigenen Stimme arbeiten und diese fachgerecht trainieren. Auch wenn die Stimme perfekt klingt, braucht sie das passende Training, um langfristig auf hohem Niveau zu bleiben. Die Stimmbänder sind zwei kleine Muskeln und müssen mit Übungen auf Ausdauer trainiert werden, um Heiserkeit und Stimmschäden vorzubeugen. Die richtige Atemtechnik ist für Ausnahmetalente genauso wichtig wie für alle anderen Sänger. 

Unabhängig davon, wo du als Sänger derzeit stehst, kannst du mit dem richtigen Training sehr viel aus deiner Stimme herausholen. Klar gibt es anatomische Grenzen, und nicht jeder kann mit einem Ausnahetalent gleichziehen. Ich habe aber oft erlebt, dass auch „normal talentierte Sänger“ mit Geduld und einer gehörigen Portion Fleiß den Ausnahmetalenten das Wasser reichen können.

Das Publikum interessiert sich nicht dafür, ob der Sänger schon immer ein Ausnahmetalent war, oder sich sein Können hart erarbeitet hat. Was zählt ist die Momentaufnahme.

Und am Ende muss nicht jeder zum Ausnahmetalent werden. Singen macht ganz unabhängig vom Talent Spaß und tut einfach gut. Egal ob man vor anderen singen möchte, oder nur für sich in der Dusche. Bei mir im Unterricht ist auf jedenfall jeder herzlich willkommen.

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